Ähnliche Veranstaltungen in Deutschland: Motorradfahrten für behinderte Menschen
Das Herzstück einer solchen Veranstaltung lässt sich kaum besser beschreiben als durch die Gesichter der Mitfahrenden im Moment der Abfahrt. Was in Sachsen unter dem Namen Jumbofahrt bekannt wurde, ist kein Einzelphänomen – in ganz Deutschland haben sich Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer zusammengefunden, um Menschen mit Behinderung genau dieses Erlebnis zu schenken: Wind, Freiheit und das Knattern des Motors. Wer sich nach einem eigenen Engagement umschaut oder einfach wissen möchte, welche ähnlichen Initiativen es bundesweit gibt, findet eine lebendige, engagierte Szene.
Jumbofahrt Rostock e. V. – der Namensvetter aus dem Norden
Die vielleicht engste Verwandtschaft besteht zur Jumbofahrt Rostock e. V., die seit über 25 Jahren im Raum Mecklenburg-Vorpommern tätig ist. Der Name geht wie beim sächsischen Pendant auf den Spitznamen alter Zündapp-Gespanne zurück – die sogenannten „grünen Elefanten". In Rostock fahren jedes Jahr Kinder und Jugendliche mit Behinderungen aus der Einrichtung in Lichtenhagen im Beiwagen mit, begleitet von einer Kolonne engagierter Gespannfahrer. Die Tradition reicht bis in die frühen 1990er Jahre zurück und hat über die Jahrzehnte nichts von ihrer Strahlkraft verloren.
Wer selbst einen Gespann hat und im norddeutschen Raum aktiv werden möchte, findet dort eine eingespielte Gemeinschaft – und ein Vorbild, das zeigt, wie nachhaltig solche Vereine über Generationen funktionieren können.
Crazy Run Bremen e. V. – Touren über mehrere Tage
Einen etwas anderen Ansatz verfolgt der Crazy Run Bremen e. V., der seit 2004 mehrtägige Motorradtouren mit Menschen mit geistiger, körperlicher und psychischer Behinderung organisiert. Was mit zehn Teilnehmenden und einer Fahrt zum Steinhuder Meer begann, wuchs schnell auf über 100 Personen und rund 50 Motorräder an.
Das Besondere: Die Mitfahrenden können je nach Mobilität und Vorliebe zwischen dem Sozius und dem Beiwagen wählen. Der Verein legt großen Wert darauf, dass niemand aufgrund des Grades seiner Behinderung ausgeschlossen wird. „Jeder wird genommen, egal wie schwer die Behinderung ist" – dieser Grundsatz prägt das gesamte Selbstverständnis der Initiative. Für Gespannfahrer aus dem Nordwesten Deutschlands, die sich längerfristig einbringen möchten, bietet Crazy Run eine strukturierte und erprobte Möglichkeit dazu.
Gespannfahrer ohne Grenzen – ein bundesweites Netzwerk
Wer nicht nur regional aktiv werden, sondern Teil einer deutschlandweiten Bewegung sein möchte, sollte sich Gespannfahrer ohne Grenzen genauer ansehen. Die Organisation versteht sich als gemeinsame Plattform, die Gespann- und Trikefahrer mit Menschen mit Behinderung zusammenbringt – und das überregional.
Das Konzept ist dem der Jumbofahrten sehr ähnlich: Motorradfahrer bieten Mitfahrten im Beiwagen oder auf dem Trike an, der Kontakt zwischen beiden Welten entsteht auf Augenhöhe. Aus vielen dieser Begegnungen sind dauerhafte Freundschaften geworden. Auf der Website gespannfahrer-ohne-grenzen.de sind aktuelle Termine und Informationen zur Teilnahme als Fahrer oder Mitfahrender zu finden – ein guter Einstiegspunkt für alle, die wissen möchten, wo in ihrer Region etwas läuft.
Gespannausfahrt Oberberg
Auch auf regionaler Ebene entstehen immer wieder eigenständige Initiativen. Die Gespannausfahrt Oberberg im Bergischen Land ist ein weiteres Beispiel dafür, wie lokal verwurzelte Motorradgemeinschaften das Format aufgreifen und für ihre Region umsetzen. Solche Veranstaltungen erinnern daran, dass es keiner großen Vereinsstruktur bedarf, um etwas ins Leben zu rufen – manchmal genügen ein paar Gespannfahrer, eine rollstuhlgerechte Startlinie und der Wille, etwas Besonderes zu ermöglichen.
Biker4Kids – wenn die Hilfe in eine andere Richtung geht
Nicht alle Charity-Motorradevents setzen auf das Mitfahren-Konzept. Biker4Kids aus dem Raum Düsseldorf unterstützt seit 2009 den ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst durch Spendenfahrten. Das Modell ist ein anderes, das Engagement aber vergleichbar stark. Für Motorradenthusiasten, die über das reine Mitfahrt-Angebot hinaus einen sozialen Beitrag leisten möchten, ist diese Art der Initiative ein weiterer möglicher Weg.
Was alle verbindet
So unterschiedlich diese Vereine und Veranstaltungen im Detail auch sind – in einem Punkt gleichen sie sich vollständig: Sie entstehen aus dem Antrieb heraus, eine Leidenschaft zu teilen. Motorradfahren ist für viele Fahrer ein Stück gelebte Freiheit. Dieses Gefühl weiterzugeben, an Menschen, denen es sonst verwehrt bleibt, ist die eigentliche Triebfeder hinter all diesen Projekten.
Wer nach der Lektüre überlegt, ob er oder sie sich engagieren möchte – als Fahrer, Sponsor oder ehrenamtliche Helferin –, wird in dieser Szene offene Türen vorfinden. Das Erzgebirge hat mit der Jumbofahrt Sachsen bewiesen, dass sich eine solche Idee tief in einer Region verwurzeln kann. Anderswo in Deutschland ist genau das ebenfalls gelungen.